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Mann liest Zeitung

KAPITALKOMPASS #67: Rekordbörsen im neuen Zinsregime

7. Okt.
5 Min. Lesezeit

Warum Öl, Anleiherenditen und Notenbanken im vierten Quartal den Takt vorgeben


Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wer die Kapitalmärkte derzeit verstehen möchte, sollte nicht nur auf die Aktienkurse schauen. Mindestens ebenso wichtig sind zwei andere Größen: der Ölpreis und die langfristigen Zinsen.


Denn die vergangenen Wochen haben die Marktlogik deutlich verändert. Die Europäische Zentralbank, die US-Notenbank Federal Reserve und die Bank of Japan haben ihre Geldpolitik gestrafft. Gleichzeitig zeigt sich die Weltwirtschaft erstaunlich robust. Die großen US-Aktienindizes notieren auf Rekordständen, Investitionen in künstliche Intelligenz bleiben ein wichtiger Wachstumstreiber – und dennoch ist die Nervosität an den Anleihemärkten deutlich gestiegen.


Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches Spannungsfeld: Wachstum und Unternehmensgewinne tragen die Aktienmärkte, während der Preis des Geldes wieder zum zentralen Risikofaktor geworden ist.


Für Anleger bedeutet das: Nicht die Frage, ob die Wirtschaft wächst, dürfte über die kommenden Monate entscheiden. Entscheidend wird sein, ob das Wachstum stark genug bleibt, um hohe Energiepreise, erhöhte Inflation und steigende Finanzierungskosten gleichzeitig zu verkraften..


Der Rentenmarkt setzt das neue Preisschild


Besonders deutlich wird das neue Umfeld am US-Anleihemarkt.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist seit Ende September nochmals deutlich gestiegen. Damit erhöht sich der Bewertungsdruck auf nahezu alle Anlageklassen.

Der Zusammenhang ist einfach: Steigen die Renditen vermeintlich sicherer Staatsanleihen, müssen Aktien und andere Risikoanlagen ihre höheren Bewertungen stärker durch zukünftige Erträge rechtfertigen.

Wenn sichere Anlagen wieder attraktive Renditen bieten, wird Kapital anspruchsvoller.

Besonders betroffen sind Unternehmen, deren Bewertungen stark auf weit in der Zukunft erwarteten Gewinnen beruhen.

Rekordstände trotz Zinsdruck


Umso bemerkenswerter ist die Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte. S&P 500 und Nasdaq haben Anfang Oktober neue Rekordstände erreicht.

Insbesondere Technologie-, Halbleiter- und KI-Unternehmen profitieren weiterhin von hohen Investitionen und robusten Gewinnerwartungen.

Darin liegt das zentrale Paradox des aktuellen Marktumfelds:

Aktien steigen nicht, weil die Zinsrisiken verschwunden wären. Sie steigen, weil die Unternehmensgewinne diese Risiken bislang überlagern.

Solange Gewinne und Cashflows wachsen, können Unternehmen höhere Finanzierungskosten verkraften. Kritischer würde es, wenn hohe Zinsen auf gleichzeitig sinkende Gewinnerwartungen treffen.

Für Anleger gewinnen deshalb Bilanzqualität, Cashflow und Preissetzungsmacht weiter an Bedeutung.

Notenbanken bleiben restriktiv


Die Europäische Zentralbank erhöhte im September ihre Leitzinsen erneut. Der Einlagensatz liegt bei 2,50 Prozent. Gleichzeitig erwartet die EZB für 2026 eine Inflation von 3,0 Prozent.

Gerade für Europa bleibt die Situation anspruchsvoll: Die Geldpolitik kann Nachfrage und Kreditvergabe bremsen, aber keine Angebotsengpässe am Energiemarkt beseitigen. Bleibt Öl teuer, droht eine ungünstige Kombination aus höherer Inflation, höheren Finanzierungskosten und schwächerer Kaufkraft.

Auch die Federal Reserve erhöhte ihren Leitzins auf einen Zielkorridor von 3,75 bis 4,00 Prozent.

Dabei entsteht ein für Anleger wichtiges Paradox: Eine starke US-Konjunktur stützt zwar die Unternehmensgewinne, gibt der Fed gleichzeitig aber weniger Anlass, ihre Geldpolitik wieder zu lockern.

Gute Wirtschaftsnachrichten können deshalb kurzfristig schlechte Zinsnachrichten sein.

Japan wird zum neuen Faktor


Auch die Bank of Japan setzt ihre Normalisierung fort. Der Leitzins wurde im September auf 1,25 Prozent angehoben.

Für die globalen Kapitalmärkte ist das relevanter, als das Zinsniveau zunächst vermuten lässt. Japanische Anleger waren jahrzehntelang eine wichtige Quelle internationalen Kapitals. Steigen die heimischen Renditen, werden Anlagen in Japan attraktiver.

Gleichzeitig geraten sogenannte Carry Trades unter Druck, bei denen sich Investoren günstig in Yen finanzieren und das Kapital in höher verzinste Anlagen investieren.

Eine stärkere Rückabwicklung solcher Positionen könnte die Volatilität an Aktien-, Anleihe- und Devisenmärkten erhöhen.

Öl bleibt der zentrale Makro-Trigger


Der wichtigste kurzfristige Frühindikator bleibt jedoch der Energiemarkt.

Brent-Rohöl bewegt sich weiterhin um die Marke von 100 US-Dollar je Barrel. Damit bleibt die geopolitische Risikoprämie ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor.

Der Übertragungsmechanismus auf die Kapitalmärkte lässt sich auf eine einfache Kette reduzieren:

Geopolitik → Öl → Inflation → Notenbanken → Anleiherenditen → Aktienbewertungen

Ein nachhaltiger Rückgang des Ölpreises würde den Inflationsdruck reduzieren und den Notenbanken mehr Spielraum verschaffen. Ein erneuter Anstieg könnte dagegen Zinserwartungen und Renditen schnell wieder nach oben treiben.


Der Markt-Check


Aktien

Robuste Gewinne und hohe KI-Investitionen stützen insbesondere den US-Markt. Gleichzeitig begrenzen hohe Realzinsen den Spielraum für weiter steigende Bewertungen.

Für Anleger dürfte deshalb die Auswahl einzelner Unternehmen wichtiger werden. Gewinnwachstum, Bilanzstärke, Cashflow und Preissetzungsmacht rücken stärker in den Vordergrund.


Anleihen

Hochwertige Anleihen bieten wieder attraktive laufende Renditen. Gleichzeitig bleibt bei langen Laufzeiten das Zinsänderungsrisiko hoch.

Sollte der Inflationsdruck zurückgehen, könnten gerade längere Laufzeiten von fallenden Renditen profitieren. Die bewusste Steuerung der Duration bleibt daher entscheidend.


Rohstoffe

Öl ist derzeit mehr als nur eine eigene Anlageklasse. Der Ölpreis fungiert als Frühindikator für Inflation, Zinsen und damit auch für Aktienbewertungen.



Drei Szenarien für das vierte Quartal


1. Entspannung: Der Ölpreis fällt nachhaltig unter 100 US-Dollar. Der Inflationsdruck nimmt ab, Renditen sinken und sowohl Anleihen als auch zinssensitive Aktien erhalten Unterstützung.

2. Zähes Basisumfeld: Öl bleibt um 100 US-Dollar, Inflation und Zinsen bleiben erhöht, die Konjunktur jedoch robust. In diesem Umfeld gewinnen Qualität, Cashflow und Bewertung weiter an Bedeutung.

3. Zweiter Inflationsschock: Eine geopolitische Eskalation treibt den Ölpreis erneut deutlich nach oben. Weitere Zinsschritte würden wahrscheinlicher, während lange Anleihen und hoch bewertete Aktien unter Druck geraten könnten.


Worauf Anleger jetzt achten sollten


Vier Faktoren erscheinen uns für die kommenden Wochen besonders relevant:

  • Ölpreis: Bleibt Brent um oder unter 100 US-Dollar?

  • Langfristige Zinsen: Stabilisiert sich die zehnjährige US-Rendite oder steigt sie weiter?

  • Inflation: Übertragen sich höhere Energiepreise dauerhaft auf Dienstleistungen und Löhne?

  • Unternehmensgewinne: Bleiben die Gewinnerwartungen robust oder nehmen Abwärtsrevisionen zu?


Fazit: Geld hat wieder einen Preis


Die Kapitalmärkte haben sich an eine Realität erinnert, die über viele Jahre kaum eine Rolle spielte: Geld hat wieder einen Preis.

Das muss für Aktien nicht zwangsläufig negativ sein. Solange Unternehmen ihre Gewinne steigern und solide Cashflows erwirtschaften, können sie auch höhere Finanzierungskosten verkraften.

Das Zusammenspiel aus hohen Bewertungen, steigenden langfristigen Renditen und geopolitischem Inflationsdruck macht das Marktumfeld jedoch anspruchsvoller.

Für Anleger spricht deshalb viel dafür, nicht kurzfristigen Marktbewegungen hinterherzulaufen, sondern die Widerstandsfähigkeit des eigenen Portfolios in den Mittelpunkt zu stellen.

Qualität bei Aktien, eine bewusste Laufzeitensteuerung bei Anleihen und eine breite Diversifikation bleiben aus unserer Sicht zentrale Bausteine.

Denn langfristig erfolgreiche Vermögenssteuerung bedeutet nicht, jede Marktbewegung vorherzusagen. Entscheidend ist, ein Portfolio so aufzustellen, dass es unterschiedliche Zins-, Inflations- und Wachstumsszenarien verkraften kann.

Wir hoffen, Ihnen mit dieser Ausgabe des KAPITALKOMPASS eine hilfreiche Orientierung für das aktuelle Kapitalmarktumfeld gegeben zu haben.

Für einen persönlichen Austausch über Ihre individuelle Vermögensstruktur stehen wir Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung.


Mit besten Grüßen und viel Erfolg bei Ihren Anlageentscheidungen


Ihr Service-Team


HOLON Family Office
HOLON Family Office GmbH | www.holon-fo.de | service@holon-fo.de

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Quellenangabe:

Torsten Leißner

Europäische Zentralbank, Monetary policy decisions, 10.09.2026: Leitzinsen und September-Projektionen

Federal Reserve, FOMC Statement und Summary of Economic Projections, 16.09.2026

Bank of Japan, Monetary Policy Meeting, 18.09.2026

Reuters, Global Markets / Trading Day, 22.09.2026: Nasdaq, Brent und US-Treasury-Renditen


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